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Toolbox: United by AIDS — An Exhibition about Loss, Remembrance, Activism and Art in Response to HIV/AIDS

Toolbox – der digitale Ausstellungsguide – ist ein neues Kunstvermittlungsangebot des Migros Museum für Gegenwartskunst. Die Toolbox enthält nicht nur Informationen zu Kunstwerken, Kunstschaffenden und Kunstgeschichte, sondern schafft auch eine weitvernetzte Verbindung zwischen Kunst und Lebensalltag.

Silence = Death; Ignorance = Fear – Kreativität im Kampf gegen AIDS

Seit der Einführung der antiretroviralen Therapie Mitte der 1990er Jahre scheint die Krankheit AIDS an Bedeutung verloren zu haben. Allerdings prägen auch heute noch Vorurteile, Unwissen sowie Angst und Diskriminierung den gesellschaftlichen Umgang mit HIV. Zum jährlich stattfindenden Weltaidstag am 1. Dezember listete das Schweizer Radio SRF im Jahr 2017 die grössten Irrtümer über HIV im heutigen Alltag auf. In der Schweiz waren beispielsweise – bei rückläufigen Ansteckungszahlen! – die bei der AIDS-Hilfe Schweiz gemeldeten Fälle von Diskriminierung HIV-infizierter Personen noch nie so hoch wie 2018. In der Schweiz leben heute rund 20'000 Menschen mit HIV. Viele halten dies aus Furcht vor Diskriminierung geheim. Daher lancierte die AIDS-Hilfe Schweiz zum Weltaidstag 2018 die Kampagne „Gemeinsam gegen die Angst".

Der US-amerikanische Biologe Arik Hartmann schildert 2016, wie er als HIV-positiver Student in seiner WG und seinem Umfeld Diskriminierung erfahren hat, die auf Angst und Unwissenheit basierte:

Arik Hartmann: Our treatment of HIV has advanced. Why hasn't the stigma changed? (Quelle: Youtube)

Hier setzt auch die zentrale Rolle der Kunst ein, welche persönliche und gesellschaftliche Auswirkungen von HIV thematisiert. Die Gruppenausstellung United by AIDS – An Exhibition about Loss, Remembrance, Activism and Art in Response to HIV/AIDS zeigt die vielschichtigen Zusammenhänge zwischen Kunst und HIV/AIDS von den 1980er Jahren bis in die Gegenwart. Denn die AIDS-Krise hat nicht nur viele politische Bewegungen ausgelöst, sondern auch die Kunstwelt aktiviert.


Der US-Künstler Keith Haring (*1958 in Reading, Pennsylvenia; †1990 in New York), er starb an den Folgen von AIDS, war einer der prägendsten Aktivisten gegen die Krankheit. Mit seinem Plakat Ignorance = Fear, Silence = Death (1989), das in der Ausstellung zu sehen ist, schuf er eine Ikone im Kampf gegen AIDS. Mittels seiner berühmten, sich rhythmisch bewegenden, comicartigen Figuren gelang es ihm unter anderem, mit seinen politischen Botschaften viele Menschen zu erreichen.

Keith Haring war einer der bekanntesten amerikanischen Künstler und politischen Aktivisten des 20. Jahrhunderts. Er studierte zwei Semester Grafikdesign in seiner Heimatstadt, bevor er sich für eine künstlerische Karriere entschied, nach New York zog und an der School of Visual Arts sein Studium begann. Er entdeckte die Linie und Zeichnung als künstlerische Mittel, die zu seinen ikonischen Werken führten.

Haring knüpfte als Künstler an der amerikanischen Pop Art an, welche Kunst und Alltagsleben miteinander verbanden, indem sie sich an Werbung, Hollywoodstars und Massenkultur wie Comics inspirierten. Haring gilt als einer der führenden Vertreter der New Yorker Graffiti-Art, die sich in den 1980er Jahren als neue Kunstrichtung etablierte.

Was ist Pop Art? (Quelle: Youtube)

Während der Amtszeit des amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan machte Haring mit seiner Kunst auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam. Gegen soziale Ungleichheit, Kapitalismus und für Umweltschutz und nukleare Abrüstung protestierte Keith Haring mit Graffitis und entdeckte den öffentlichen Raum als Ort seiner aktivistischen Kunst. 1988 wurde er HIV-positiv diagnostiziert, zwei Jahre später erlag er den Folgen von AIDS.

Keith Haring: 4 Minute Mini Documentary (Quelle: Youtube)

Keith Haring war ein zentraler Teil der AIDS-Bewegung in New York und sprach offen über seine HIV-Infektion. Er produzierte T-Shirts und Wandgemälde zum Thema, warb für Safer Sex und gründete 1989 die Keith Haring Foundation. Diese setzt sich für die Förderung von benachteiligten Jugendlichen ein und insbesondere für die Aufklärung über AIDS und HIV und ermöglicht Präventionsmassnahmen.

Mit dem rund 100 x 60 cm grossen Plakat "Silence = Death; Ignorance = Fear" von Keith Haring wurden 1989 New Yorker Busse beklebt. Der Künstler gestaltete das Plakat 1989 für die zwei Jahre vorher gegründete ACT UP („AIDS Coalition to Unleash Power“ (zu Deutsch: „AIDS-Koalition, um Kraft freizusetzen“) Bewegung.

Auf dem Plakat zu sehen sind drei gelbe Figuren, jeweils mit einem rosa X versehen. Das X bedeutet, dass sie an AIDS erkrankt sind, es steht ebenso als Zeichen für Brandmarkung, aber auch für das Desinteresse und die Ignoranz der allgemeinen Öffentlichkeit. Haring schuf das Plakatkmotiv in Anlehnung an die bekannten drei Affen, die nichts sehen, nichts hören und nichts sagen wollen.

Die drei Figuren halten sich Augen, die Ohren und den Mund zu, so wie Menschen mit HIV aus Angst schweigen und von der Gesellschaft zum Schweigen gebracht werden. Es ist auch ein Zeichen von der Tabuisierung des Themas. Der amerikanische Präsident Ronald Reagan sprach erst 1987 öffentlich über AIDS, obwohl die Krankheit seit 1981 bekannt war.

Am oberen Rand des querformatigen Plakates steht in schwarz “Ignorance = Fear” am unteren „Silence = Death“. Danach folgt ein Dreieck in Form des umgekehrten rosa Winkels mit den Worten „Act up fight AIDS“. Der Rosa Winkel wurde in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten zur Kennzeichnung von homosexuellen Häftlingen verwendet. Der umgekehrte rosa Winkel auf schwarzem Hintergrund, ergänzt mit der Gleichung «Silence = Death» wurde von Avram Finkelstein, Brian Howard, Oliver Johnston, Charles Kreloff, Chris Lione und Jorge Socarrás kreiert.

Plakat „The Silence = Death Project“ von 1987, das Avram Finkelstein, Brian Howard, Oliver Johnston, Charles Kreloff, Chris Lione und Jorge Socarrás 1987 als Symbol der AIDS-Bewegung schufen. Den Winkel drehten sie um 180 Grad, um die Hoffnung auf einen besseren Umgang mit AIDS in naher Zukunft auszudrücken. Eineinhalb Jahre bevor ACT UP zusammenfand, begann sich diese Gruppe zu treffen und begründete das Projekt «Silence = Death». Gemeinsam erarbeiteten sie damit das wohl kraftvollste Symbol für die AIDS-Bewegung. Ende der 1970er Jahre wurde er ausgehend von Europa zu einem positiven Symbol für die Schwulenbewegung.

Avram Finkelstein über den umgekehrten Rosa Winkel (Quelle: Youtube)

Wolfgang Tillmans: 17 Years Supply – Leben mit HIV-Medikamenten

Wolfgang Tillmans Druck 17 Years Supply (2014) wirft den Blick von oben in einen Pappkarton, der über die Hälfte mit zahllosen Verpackungen von Medikamenten gefüllt ist. Die Fläschchen, Plastikgefässe und Schachteln sind vermutlich schon längst leer. Denn wahrscheinlich, so lässt der Titel vermuten, wurden die Verpackungen im Laufe von 17 Jahren aufgebraucht und aufbewahrt: als Zeugnis einer medizinischen Behandlung, die das Leben begleitet. Bei näherer Betrachtung kann man erkennen, dass der Name des Künstlers auf einigen der Packungen steht. Der Name der Medikamente deutet ausserdem darauf hin, dass es sich bei den Medikamenten um HAART-Medizin (hochaktive antiretrovirale Therapie) handelt. Mit der regelmässigen Einnahme wird der Ausbruch von AIDS verhindert – ausserdem ist die Person nicht mehr ansteckend. HAART sind jedoch nicht die einzigen Medikamente, die im Kontext von HIV genommen werden; so kann man sich seit 2016 mittels der PrEP gegen HIV Infektionen schützen; die PEP leistet hingegen nachträglichen Schutz.

Wolfgang Tillmans sprach 2017 in einem Interview über seine künstlerische Entwicklung, aber auch seinen Bezug zum Thema HIV und AIDS (ab Minute 40):

Interview with Wolfgang Tillmans (Quelle: Youtube)

17 Years Supply zeigt die Medikamente für eine individuelle Person, ruft aber auch Fragen nach den medizinischen Möglichkeiten zum Umgang mit HIV und einem Leben mit der HAART-Therapie hervor. In einer TV-Reportage des Bayrischen Rundfunks berichtet ein Paar über ihren Umgang mit der Tatsache, dass ein Partner HIV-positiv ist:

TV-Reportage: Warum HIV-Positiv sein kein Weltuntergang mehr ist (Quelle: Youtube)

Tillmans interessiert sich in seiner Kunst oftmals für Lebenswege und Situationen. Das persönliche Erleben ist für ihn genauso wichtig wie grosse politische Entscheidungen. In seinen Fotografien hält er oft Augenblicke des eigenen Lebens und seiner Freunde fest, zeigt intime, ekstatische und verletzliche Momente. Bekannt wurde er Mitte der 1990er Jahre mit Bildern von Freunden, die ihr Lebensgefühl in ihrer Zeit spiegelten. Berühmt ist er für seine Fotos von Subkulturen und gesellschaftlilcher Strömungen wie der Love Parade in Berlin (1992) und der Londoner Club- und Gay-Community. Portraits, Aktdarstellungen, Landschaftsaufnahmen und abstrakte Bilder sind in Tillmans Werk vertreten: Das Alltägliche und Persönliche spielt dabei eine besondere Rolle. Der Alltag zeigt sich besonders in seinen Stillleben, also Bilder regloser Gegenstände.

Wolfgang Tillmans («Kontaktabzüge» Arte) (Quelle: Youtube)

17 Years Supply kann man ebenso als Stillleben lesen. In der Tradition von Stillleben geht es oftmals um Zeitlichkeit; um eine Momentaufnahme des Lebens, eine Dokumentation eines Ist – Zustands. Oft thematisieren Stillleben aber auch einen Moment des Vergänglichen; noch sieht der Zustand so aus, doch könnte er sich mit der Zeit ebenso verändern. Blumen als Teil von Stillleben symbolisieren diesen Prozess, denn wenn sie auch gerade noch frisch sind, können sie doch bald welk werden. Stillleben entwickelten sich besonders in der Kunst des Barocks in Holland im 17. Jahrhundert heraus. Als eine Form des Stilllebens kristallisierte sich das Vanitas Stillleben heraus, das Wohlstand, repräsentiert durch üppige Mahlzeiten oder Blumengestecke, mit Symbolen kontrastierte, die den Tod im Sinne eines „memento mori“ (Gedenke dass du sterben wirst) verbildlichten.

Juan de Arellano, Blumenstillleben (Dresden), ca. 1670-1675, Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Auch 17 Years Supply thematisiert Zeit; einerseits sind die 17 Jahre bereits vergangen, andererseits werden noch zahlreiche Jahre folgen. Der Moment des Lebensendes ist durch die Einnahme der Medikamente in die Ferne gerückt: denn durch sie wird eine normale Lebenserwartung erreicht. In 17 years supply geht es darum in dreifacher Weise um Zeit:

  • weil die Fotografie einen bestimmten Augenblick dokumentiert, eine Bestandsaufnahme macht.
  • weil man das Ergebnis eines zeitlichen Verlaufs eines Lebens, nämlich die Verpackungen sieht.
  • weil die Frage entsteht, wie Lebenszeit bemessen werden kann und welche Rolle die Medizin dabei spielen kann.

Für Tillmans ist das individuelle Erleben, die Lebenszeit und die Art wie wird das Leben gestalten, immer eng an zeitgenössische Debatten und Entwicklungen geknüpft. Was wir selbst erfahren, ist geprägt von unserer Umgebung und gegenwärtigen Diskussionen; umgekehrt nehmen wir durch die Art wie wir leben auch auf sie Einfluss. Seine Bilder zeigen also oft Aspekte individueller Geschichten, die gleichzeitig gesellschaftlich wichtig sind.

DiAna's Hair Ego REMIX – HIV und die African American Community

1989, zu einem Zeitpunkt, zu dem die AIDS-Krise einen Höhepunkt erreichte, drehte die amerikanische Filmemacherin Ellen Spiro (*1968 New Jersey) im Süden der USA den Kurzfilm DiAna’s Hair Ego: AIDS Info Up Front. Der Film porträtiert DiAna DiAna, die in ihrem Beauty-Salon in Columbia, South Carolina zusätzlich zum Tagesgeschäft Safer-Sex-Aufklärung betreibt.

Trailer: DiAna’s Hair Ego: AIDS Info Up Front (Quelle: Youtube)

Der Film erhielt sowohl von der Presse, den staatlichen Stellen als auch von den Communities grosse Resonanz. Knapp 30 Jahre später besucht die Filmemacherin Cheryl Dunye (*1966 in Liberia, aufgewachsen in Philadelphia) den gleichen Salon und produziert in Zusammenarbeit mit Ellen Spiro einen neuen Film zum selben Thema: DiAna's Hair Ego REMIX (2017), der in der Ausstellung gezeigt wird.

Ellen Spiro & Cheryl Dunye, DiAna's Hair Ego REMIX, 2017 (Quelle: Youtube)

Im Film reist Cheryl Dunye nach Columbia und lässt sich im Haarsalon von DiAna DiAna gerade die Haare frisieren, als junge Aktivist*innen der schwarzen LGBT-Community und ein AIDS-Educator den Raum betreten. Bereits anwesend ist Dr. Bambi Gaddist, die schon 1989 eine Mitstreiterin von DiAna im Kampf gegen AIDS war.

Gemeinsam diskutiert die Runde, was 1989 geschah und was sich in den letzten 30 Jahren verändert hat. Sie stellt fest, dass die Menschen der Region heute nicht über Sex sprechen. Sie interessieren sich nicht für HIV und benutzen auch keine Kondome. Es gibt viel Fehlinformationen, denn Scham, Stigma und Angst dominieren das Verhältnis zu HIV. Die Aktivist*innen kritisieren, dass in den USA das öffentliche Interesse an HIV abgenommen hat. Insbesondere, seit HIV nicht mehr als eine „weisse“ Krankheit wahrgenommen werde. Das Unwissen, gemischt mit religiösen Glaubenssätzen, welche im Süden der USA vielerorts dominieren, erinnert die Aktivist*innen an die Zustände der 1985er Jahre.

Auslöser für den Film war die schockierende Lektüre Dunyes des Artikels «America’s Hidden H.I.V. Epidemic» von der Journalistin Linda Villarosa, der 2017 in der New York Times erschien und weltweit für Aufsehen sorgte. Der Artikel thematisiert die rapide ansteigende Infektionsrate mit HIV unter afro-amerikanischen Männern, die sich insbesondere in den Südstaaten der USA verzeichnen lässt. Hier betreffen 54% aller Neudiagnosen afroamerikanische homo- oder bisexuelle Männer. Damit haben die Südstaaten ein höhere HIV-Rate als jedes andere Land auf der Welt.
Der Kurzfilm DiAna’s Hair Ego REMIX ist gleichzeitig eine Hommage an die unermüdliche Aufklärungsarbeit DiAnas und zugleich das erschreckende Erinnern an eine kontinuierliche Krise. Der Beautysalon dient dabei als Safe Space, wo Frauen untereinander über ihre sexuelle Identität und ihre Beziehungen, zum Beispiel zu bisexuellen Männern, sprechen – und dabei auch lachen können. So ist Humor ebenso ein wichtiges Element von Spiros/Dunyes Film und fungiert als Mittel der Befreiung. In Auftrag gegeben wurde DiAna’s Hair Ego REMIX durch die US-amerikanische Organisation Visual AIDS. Sie wurde 1988 gegründet und setzt sich mittels Kunst für ein stärkeres Bewusstsein von AIDS ein.

Die US-amerikanischen «Centers of Disease Control and Prevention» (CDC) zeichnen dasselbe Bild:

  • 1 von 7 schwarzen/African Americans mit HIV wissen nicht, dass sie infiziert sind. Stigma, Angst, Diskriminierung und Homophobie, aber auch die grössere Armutsrate nennen die CDC als mögliche Gründe.
  • Limitierter Zugang zu qualifizierter medizinischer Betreuung ebenso wie fehlende Präventionsinformationen erhöhen das Ansteckungsrisiko ebenfalls.

Aus diesen Gründen haben die CDC den 7. Februar zum „National Black HIV/AIDS Awareness Day“ erklärt. Die jährlichen Aktionen des NBHAAD haben HIV-Aufklärung, Tests und Behandlungen der Schwarzen Communities zum Ziel. 2019 lautete das Thema: Together for Love: Stop HIV Stigma.

General Idea – Sichtbar und unsichtbar gegen HIV und AIDS

Kommt Ihnen hier etwas bekannt vor? Oder können Sie überhaupt etwas erkennen?
Diese zwei Fragen stellen sich wohl ein paar Besucher*innen der aktuellen Ausstellung im Migros Museum für Gegenwartskunst vor der Tapete des Künstlerkollektivs General Idea, die auf zwei grossen Wänden des Museums zu sehen sind. Das gleiche gilt für das auf der Tapete hängende gerahmte, fast durchgängig weisse Bild. White AIDS (Wallpaper Installation) heisst die Tapete und – fast gleichnamig – White AIDS das gerahmte Bild – beide Werke kreierte das Kollektiv General Idea Anfang der 1990er Jahre.

Schemenhaft lässt sich der Schriftzug AIDS erkennen, der durch die Schrift sehr an die weltbekannten «Love»-Kunstwerke des US-Amerikanischen Künstlers Robert Indiana erinnert, die seit den 1960er Jahren bekannt waren. (Robert Indiana, Love, im «Love Park» Philadelphia, 1976, Quelle: needpix.com)

Um zu verstehen, weshalb General Idea den Schriftzug übernahmen und noch dazu mit der Botschaft AIDS ersetzten, hilft es, mehr über die Hintergründe der Künstlergruppe zu wissen. Zu Ende der 1960er Jahre lernten sich die drei kandischen Künstler AA Bronson, Felix Partz und Jorge Zontal in Toronto kennen. Die drei freundeten sich an, zogen 1969 zogen zusammen und begannen, unter dem Namen General Idea künstlerisch zu arbeiten. Die Gruppe beschäftigte sich insbesondere mit Massenkultur, Medien sowie Werbung und reagierte hierauf in ihrer Kunst. 1986 zog die Gruppe nach New York. In den 1980er und 1990er Jahren wurde New York – neben San Francisco – besonders von der AIDS-Krise erschüttert. 1987 verstarb auch ein nahestehender Freund der Gruppe an AIDS. Ab dem Zeitpunkt beschäftigten sich General Idea intensiv mit dem Virus und der Krankheit, bis 1994 auch Felix Partz und Jorge Zontal an AIDS umkamen. Seither verwaltet AA Bronson die Kunstwerke der Gruppe und ist weiter als Künstler aktiv. Insgesamt entwickelte die Gruppe ca. 75 verschiedene Kunstwerke und Aktionen zum Thema AIDS, die oft für den öffentlichen Raum bestimmt waren. Im Stil von Robert Indiana’s Love kreierten sie einige Werke, in denen die Aussage «Love» durch «AIDS» ersetzt wurde, darunter eine Leuchtschrift für den Times Square, eine Skulptur in Hamburg sowie zahlreiche Plakate, die öffentlich angebracht wurden.

General Idea - Interview with AA Bronson (Quelle: Youtube)

Aus «LOVE» wird «AIDS» – eine deutliche Provokation, die unter anderem sexuell übertragbare Krankheit öffentlich machte. Insbesondere schwule Männer (eine Gruppe, die besonders betroffen war vom HIV-Virus) wurden für die Krankheit verantwortlich gemacht; AIDS wurde als «Schwulenseuche» und «Strafe Gottes» bezeichnet. Durch die AIDS-Epidemie wurden homosexuelle Männer noch mehr abgewertet. Statt zu unterstützen, herrschte in der Politik aufgrund der Ablehnung homosexueller Männer und weiterer betroffener Gruppen wie Konsument*innen intravenös verabreichter Drogen und Sexarbeiter*innen Ignoranz gegenüber dem Thema AIDS. US-Präsident Ronald Reagan sprach das erste Mal 1987 – sechs Jahre nach Beginn seiner Amtszeit und dem zeitgleichen Erkennen des Virus in den USA im Jahr 1981 offiziell über AIDS.

Zur Geschichte des Copyrights von Robert Indianas "Love":


Robert Indiana entwarf den Schriftzug erstmals 1964 für eine vom „Museum of Modern Art“ in New York in Auftrag gegebene Weihnachtskarte. Da Indiana auf den Copyrightvermerk verzichtete, wurde "Love" in der Folge zahllos in Werbung, Büchern und Plattencovern, in Zeitschriften und auf Plakaten kopiert und abgeändert. 1973 liessen die US-Postal-Service "Love" auf eine Briefmarke drucken, die rund 300 Millionen Mal hergestellt wurde.
"Love" war für General Idea nicht nur wegen dem Bildinhalt, sondern auch aufgrund der besonderen Geschichte des Bildes interessant: Die Bilder von General Idea sollten sich ebenso vermehren wie jenes von Indiana: und dabei die AIDS-Krise publik machen.

AA Bronson über seine Werke zum Thema AIDS und Robert Indiana (Quelle: Youtube)

General Idea waren nicht die einzigen, die sich für eine Debatte über HIV und AIDS einsetzten. Seit 1987 arbeitete besonders die aktivistische Bewegung ACT UP, die 1987 in New York entstand, an der öffentlichen Diskussion. Der künstlerischen Gruppe Gran Fury, die als Teil der ACT UP Bewegung galt, war General Idea’s AIDS-Motiv sogar noch zu unpolitisch; sie ersetzten es durch das Wort «RIOT» (dt. Aufstand).

Die Gruppe ACT UP fand nach und nach weltweit Ableger: Der in Cannes 2017 preisgekrönte Film 120 Bpm portraitiert den Kampf einer ACT UP Gruppe in Paris der 1990er Jahre.

Trailer: 120 Bpm (Quelle: Youtube)

Im Gegensatz zu vielen bunten Werken von General Idea zum Thema AIDS ist der Schriftzug von White AIDS (Wallpaper) und White AIDS in sehr unauffälligen Farben gehalten. Mit der beinahe unsichtbaren Schrift gehen General Idea auf die Verdrängung des Themas und das Schweigen der Politik ein, mit dem versucht wurde, AIDS unsichtbar zu machen. Die Farbe Weiss erinnert ausserdem an die Sterilität in Krankenhäusern, in denen die medizinische Versorgung oft stattfand, und spiegelt so die Notwendigkeit medizinischer Pflege und Forschung, die in den 1980er Jahren noch erkämpft werden musste. Dadurch, dass das Bild beinahe verschwindet, lässt ausserdem aus heutiger Perspektive fragen: Wird heute genug über das Thema gesprochen? Was sagt die Politik dazu?