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Toolbox: Producing Futures – An Exhibition on Post-Cyber-Feminisms

Toolbox – der digitale Ausstellungsguide – ist ein neues Kunstvermittlungsangebot des Migros Museum für Gegenwartskunst. Die Toolbox enthält nicht nur Informationen zu Kunstwerken, Kunstschaffenden und Kunstgeschichte, sondern schafft auch eine weitvernetzte Verbindung zwischen Kunst und Lebensalltag.

Wu Tsang – Vielfalt von Lebensentwürfen im digitalen Zeitalter

Die US-amerikanische Künstlerin, Filmemacherin und politische Aktivistin Wu Tsang (*1982 in Worcester, Massachusetts, USA) arbeitet in erster Linie mit Themen ihres queeren Umfeldes. Der Begriff «queer» wird unter anderem für alle Personen verwendet, die nicht der heterosexuellen Geschlechternorm entsprechen, und ist für das filmische Schaffen von Wu Tsang zentral.

Wu Tsang befasst sich in ihrer im Migros Museum für Gegenwartskunst gezeigten Installation A day in the life of bliss (2014) mit Fragen von Identität, Privatsphäre und Überwachung in einer von ihr entworfenen Zukunft, in der die digitalen Medien unser Dasein beherrschen.

Wir betreten einen dunklen Raum, in dem auf zwei Projektionsflächen ein 20-minütiges Video gezeigt wird. Diese 2-Kanal-Videoprojektion wird durch zwei grosse Spiegel gedoppelt - was als Verweis auf die sich überlagernden «realen» und «digitalen» Lebenswelten gedeutet werden kann. Die Stimmung erinnert dank der mobilen Spiegelflächen und des Bühnenbodens an ein Tanzstudio, während Sitzsäcke auf dem Boden das Publikum zum Sitzen und Eintauchen einladen.

Die Künstlerin entwickelt in ihrer Videoarbeit ein recht kompliziertes Szenario: In einer (vielleicht nicht allzu?) fernen Zukunft existieren so genannte Looks, körperlose «Online-Persönlichkeiten», die ein eigenes Bewusstsein entwickelt haben. Als Parasiten zehren sie von der Lebensenergie der Menschen und haben bereits die Macht übernommen. Wu Tsang stellt mit dieser Dystopie unsere heutige Datenfreizügigkeit im Internet und die bereitwillige Preisgabe von personenbezogenen Informationen zur Diskussion. Die Looks konnten nur so mächtig werden, da die Menschen Daten, Bilder, Videos, usw. in grossem Stil im Internet teilten.

Der alles umfassenden Kontrolle der Looks ist auch BLIS, die Hauptfigur der Videoarbeit, ausgesetzt. BLIS wird von der amerikanischen Performancekünstlerin boychild verkörpert, die wie Wu Tsang zur queeren Community gehört. Sie ist unter anderem als Model für Modelabels wie Hood by Air oder Gucci tätig.

In der Arbeit folgt die Kamera BLIS, die auch im Video eine prominente Performerin ist, durch verschiedene Szenen ihres Alltags, immer wieder unterbrochen von Tanzsequenzen, die das Geschehen kommentieren. Gerade im Medium Tanz entwickelt sich eine neue, queere Bildsprache, die ganz andere ästhetische Eindrücke mit sich bringt und uns in ihren Bann zieht. BLIS und ihre Freunde bewegen sich dabei vorzugsweise an von Wu Tsang als «safe spaces» (Deutsch: sichere Orten) bezeichneten Orten, wo sie vor den Looks geschützt sind.

Jeanswerbung von Hood By Air mit boychild (Quelle: Vimeo)

Wu Tsang selbst wechselte in ihrem Leben mehrmals das Geschlecht. In einem Artikel des englischen Magazins LEAP schreibt die Journalistin Stephanie Bailey über die Künstlerin: «This approach to identity, and the refusal to be categorized in normative terms, has been somewhat of a constant in Tsang’s life.» (Deutsch: Diese Herangehensweise an Identität und die Weigerung, sich in Normen einordnen zu lassen, ist eine Art Konstante in Tsangs Leben). Wu Tsang leistet mit ihrer Kunst, in der sie immer wieder das Verwischen von Geschlechtern thematisiert, einen zentralen Beitrag zur besseren Akzeptanz von Transmenschen in der Gesellschaft.

Die Trans-Thematik ist auch in den Schweizer Medien präsent. Beispielsweise kandidierte Raffaella Zollo, eine Transgenderfrau aus Poschiavo, 2019 für die Miss Schweiz Wahl und hat auf den Sozialen Medien wie YouTube oder Instagram zahlreiche Folllower. In ihren Videos, die sie auf YouTube unter dem Titel Raffa’s Plastic Life veröffentlicht, spricht sie offen über ihre Geschlechtsumwandlung und wie sie als Junge in einem kleinen Bergdorf unter den ständigen Hänseleien von Gleichaltrigen litt:

Raffaella Zollo erzählt ihre Geschichte auf ihrem YouTube-Kanal «Raffa’s Plastic Life» (Quelle: YouTube)

Lynn Hershman Leeson – Die Liebesgöttin Venus als Konstrukt eines weiblichen Idealkörpers

In ihrer Werkserie Digital Venus (1996/2001) beschäftigt sich die US-amerikanische Pionierin der Medienkunst Lynn Hershman Leeson (*1941 in Cleveland, Ohio, USA) anhand berühmter Aktgemälde der Kunstgeschichte mit der Konstruktion eines weiblichen Idealkörpers. Die Künstlerin nimmt vor allem Bilder der «Renaissance» (Deutsch: Wiedergeburt – im Sinne der Wiedergeburt der antiken, römisch-griechischen Kunst im 15. und 16. Jahrhundert) als Grundlage und verändert sie digital mit Hilfe des Bildbearbeitungsprogrammes Photoshop. Mit Photoshop können sämtliche körperliche «Makel» wie Falten, Hautunebenheiten oder als unpassend bewertete Körperformen einfach wegretuschiert werden.

Wie funktioniert Photoshop? (Quelle: Youtube)

Das berühmteste Motiv, welches Hershman Leesons für ihre Bildverfremdungen benutzt, ist Die Geburt der Venus von Sandro Botticelli (1482-85), in dem der florentinische Künstler das weibliche Schönheitsideal der frühen italienischen Renaissance wiedergibt. Beachtenswert ist die monumentale Grösse der Venusfigur (das Gemälde ist im Original 1.72m hoch und 2.78m breit). Die Venus gilt als das erste weibliche Aktbildnis seit der Antike; Botticelli ging es dabei in erster Linie um die Verkörperung von Schönheit.

Sandro Botticelli, Die Geburt der Venus, 1482-85, Temperafarben auf Leinwand, Höhe: 172 cm × Breite: 278 cm. Das berühmte Werk befindet sich in den Uffizien in Florenz.

In Hershman Leesons Kunstwerk ist nur ein Bildausschnitt von Botticellis Gemälde zu sehen: Venus, die römische Göttin der Liebe und Schönheit (in der griechischen Mythologie wird sie Aphrodite genannt), wird von einem bläulichen Farbton überzogen und von Schaltplänen bedeckt. Schaltpläne sind vor allem in der Elektronik gebräuchlich und dienen der absttrahierten Darstellung von elektronischen Schaltungen. Die Linien und Punkte erfüllen dabei jeweils bestimmte Funktionen.

Schaltkreise im Innenleben eines Computers
Von Lynn Hershman Leeson eingefügte Schaltkreise in ihrer Arbeit: Digital Venus After Botticelli, 1996

Diese Linien und Punkte, die eigentlich aus der Elektrotechnik stammen und Zusammenschlüsse elektronischer Bauelemente anzeigen, verweisen auf die digitale Manipulation des Körpers durch die Künstlerin. Sie zeigt in ihrer Arbeit auf, was uns auch in unserem Alltag begegnet: die nachträgliche digitale Bearbeitung eines Fotos mit Photoshop, um einem Idealbild von körperlicher Schönheit zu entsprechen. In Modemagazinen oder auf sozialen Plattformen im Internet wie Facebook oder Instagram kursieren daher Bilder von Frauen, die wie Sandro Botticellis Venus Idealbilder ihrer Zeit verkörpern sollen. Der menschliche Körper wird in ein Meer aus quantifizierbaren Daten umgewandelt, was sich die Künstlerin zu eigen macht:

Was die digitale Verbreitung von Idealbildern betrifft, sind aktuell besonders Fotos des deutschen Models Heidi Klum und ihrer laufenden Casting-Show «Germanys Next Topmodel (GNTM)» im Fernsehen und Internet verbreitet. Ein Werbefoto für die Staffel 2019, welches die GNTM-Moderatorin auf Instagram teilte, zeigt sie in direkter Anspielung auf Botticellis Gemälde und verdeutlicht die zeitlose Wirkung seines Werkes: Heidi Klum inszeniert sich selbst als neue Venus.

Heidi Klum posiert als Zitat auf Botticellis Gemälde als neue Venus für die aktuelle Staffel Germany’s Next Topmodel von 2019

Das Gemälde von Botticellis Venus ist von der Renaissance zu Lynn Hershman Leeson bis zu Heidi Klum und dem medialen Mainstream gewandert:

After 500 Years, A Clue To Who Inspired Botticelli's ‘Birth Of Venus’ | NBC News (Quelle: Youtube)

Tatsächlich geht die Geschichte dieser berühmten Venusfigur aber noch weiter zurück. Botticellis Vorbild seiner Venus war keine lebende Frau, sondern eine Venusstatue aus der Zeit um 340 v. Chr. des griechischen Bildhauers Praxiteles – in einer Kopie aus dem alten Rom des 1. Jh. v. Chr. Praxiteles schuf damit die erste lebensgrosse weibliche Aktfigur, die in der Kunstgeschichte bekannt ist. Bereits hier ging es um die Erschaffung eines Ideals des weiblichen Körpers. Die Figur der Venus und ihre Pose entsprechen demnach seit der Antike einer Vorstellung von Schönheit, auch wenn sich die konkreten Bilder von Körperidealen mit der Zeit veränderten.

Venus Medici, eine lebensgrosse Marmorstatue aus dem antiken Rom des 1. Jh. v. Chr. diente Sandro Botticelli als Vorbild seiner Venusfigur. Die Staute befindet sich in den Uffizien in Florenz.

Das Link-Highlight

Lynn Hershman Leesons Kunst wurde lange nicht anerkannt. Erst ihre grosse Einzelausstellung «Civic Radar», die 2015 im ZKM Karlsruhe gezeigt wurde, verschaffte ihr den grossen Durchbruch:

Lynn Hershman Leeson. Civic Radar (Quelle: Youtube)

Anna Uddenberg – Unheimlich sexy: Körper in permanenter Perfektion

Lasziv räkeln sich die lebensgrossen künstlichen Frauenfiguren von Anna Uddenberg (*1982 in Stockholm) im hell ausgeleuchteten Ausstellungsraum auf sofaartigen Podesten, beugen sich geschmeidig über Design-Barhocker oder winden sich durch die Tragekonstruktion eines Wanderrucksacks. Ihre durchtrainierten Körper stecken in hautenger Sportbekleidung, lange, blonde Mähnen verdecken ihre Gesichter. Die Frauen werden auf ihre – dank Sport und Yoga – perfekt getrimmten Körper und deren Inszenierung reduziert, denn der Künstlerin geht es um stereotype Rollenbilder des Weiblichen und nicht um Individuen. Die Figuren sind durch handwerkliche Perfektion der jungen Bildhauerin gekennzeichnet: In aufwendiger Handarbeit modelliert Anna Uddenberg ihre Skulpturen zunächst in Ton und produziert daraus anschliessend Fiberglas-Abgüsse, die für eine makellose Oberflächenbeschaffenheit sorgen.

Die Figuren werden danach sorgfältig mit bekleidet und durch Elemente des Alltags wie Autoinnenteilen, Teppichboden, Kindertragen, Bodenbelag, Netzgewebe, Veloursstoff, Kunsthaar, Acrylnägel oder Mountainbike-Helmteile ergänzt. Durch ihre sexualisierten Körperposen, die verstörenden Verrenkungen und durch ihre gesichtslose Anwesenheit wirken die Frauen gleichermassen vertraut und unheimlich.

Mit dem Thema des Unheimlichen knüpft Anna Uddenberg mit ihren Skulpturen an Künstler*innen an, die seit den 1920er und 1930er Jahren begannen, die Repräsentation und Wahrnehmung des menschlichen Körpers anhand von Fragmenten von Puppen in meist verstörenden Arrangements in Frage zu stellen. Der deutsche Künstler Hans Bellmer hat mit Fotografien von seinen Puppen der 1930er Jahre die surreal-groteske Körperinszenierung geprägt. Seine fetischartigen, oft gesichtslosen Figuren schuf er aus Fragmenten von Schaufensterpuppen, Holz, Metall oder Gips in einer Ästhetik, auf welche Uddenberg in ihren Arbeiten anspielt.

Hans Bellmer (Quelle: Youtube)

Anna Uddenbergs Figur Focus (mixed emotions), 2018 erinnert an die gesichtslosen sexualisierten Figuren von Hans Bellmer, Foto: Stefan Altenburger

Uddenbergs Skulpturen bewirken in ihrer schonungslosen Übertreibung und ihrer Details, dass die Betrachtenden sie anders ansehen und wahrnehmen. Die Werke sind dank der starken Einbindung von Designmöbeln oder Designermode ein Ausdruck des neoliberalen Frauenbilds des 21. Jahrhunderts. Sie sind als ironische und zugleich schmerzliche Überzeichnungen des Weiblichen zu verstehen, das durch den Warenkult, die Verfügbarkeit von pornografischen Körpern und allgegenwärtige Bilder von Influencern in den sozialen Medien definiert wird.

Die Influencerin Emily Ratajkowski bspw. prägt das stereotype sexualisierte Frauenbild und die Konsumkultur auf Instagram stark mit (Screenshot: Instagram-Profil von Emily Ratajkowski):

Uddenberg führt die Absurdität des damit verbundenen weiblichen Rollenbilds und die Unmöglichkeit einer Verkörperung bei gleichzeitiger Wahrung der eigenen Individualität schonungslos vor Augen wie auch Karen Archey im Frieze Magazin festhält. In den Posen, zu denen sich ihre Frauenfiguren verrenken, ist schwerlich auszumachen, wo der Körper endet und das Objekt beginnt. Diese Überstilisierung sexistischer Stereotype unterwandert die Obsession einer permanenten Perfektionierung des eigenen Körpers.

Spotlights:

  • Die Künstlerin inspiriert sich am It-Girl oder It-Boy, den Posen und Labels auf Instagram oder an Serien wie "Keeping Up With The Kardashians“. Warum genau wirken Uddenbergs überzeichnete Figuren auf uns so unheimlich?
  • Die Künstlerin konfrontiert uns mit dem auf Perfektion abzielenden Frauenbild, das wir soweit verinnerlicht haben, dass wir diese Aufgabe nicht nur zu erfüllen suchen, sondern gleichzeitig die Mühelosigkeit dieses Unterfangens inszenieren. Eine heftige Debatte um die Influencerin Emily Ratajkowski, die unter @emrata bekannt ist, verdeutlicht dieses Thema: Emrata bezeichnet sich als Feministin. Kann eine Frau gleichzeitig Sexobjekt und Feministin sein?

Das Link-Highlight

Anna Uddenbergs aktuelle Ausstellung Power Play in der Bundeskunsthalle Bonn in einem Videobericht:

Anna Uddenbergs aktuelle Ausstellung "Power Play" in der Bundeskunsthalle Bonn in einem Videobericht (Quelle: Vimeo)